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Zeichentisch
Das Werk Waltraud Palmes, so wie es sich hier präsentiert, gewinnt seinen ganz besonderen Stellenwert innerhalb der zeitgenössischen Kunst Österreichs durch die Zeichenhaftigkeit der Gestaltungs- und Präsentationselemente. Die Künstlerin malt, zeichnet, schabloniert, stempelt und installiert und stellt auch Verbindungen zu sprachlichen Elementen her. Dies ist ungewöhnlich und bestätigt den grenzüberschreitenden Charakter des Werkes der Künstlerin. Denn eine bemerkenswerte Konsequenz einer solchen künstlerischen Zugriffsweise liegt in ihrer Zeitlosigkeit und der damit verbundenen Unabhängigkeit von wechselnden Kunstmoden und ist gleichzeitig und eigentlich paradoxerweise, auch ein Zeichen ihrer andauernden Modernität. Wir glauben manche dieser Gebilde wiederzuerkennen, doch andere Gebilde erscheinen uns völlig fremd, nicht entzifferbar, ja, irgendwie mehrdeutig, auf eine spannende und aufregende Weise. Es tritt der merkwürdige Zustand ein, daß das Bekannte fremd und das Fremde bekannt wird. In solcher Weise werden Fantasie und bildnerisches Vorstellungsvermögen des Betrachters provoziert und es bringt Erinnerungsspuren zum sprechen und löst begriffliche Verfestigungen auf. So gibt uns Waltraud Palme durch ihre Kunst Hilfen um uns bei der Einsichtnahme der Zeichen einer fremdbestimmten Entschlüsselung zu entziehen und eigene, subjektive Bedeutungen zu finden. Wir tun das, indem wir an der Zeichenfindung der Künstlerin teilnehmen, ja, im Laufe der Zeit vielleicht sogar unsere eigenen, ganz persönlichen Zeichen selbst erfinden. Daraus können wir schließen, daß eine Kunst, die den Betrachter veranlaßt, selbst fündig und selbst tätig zu werden, die eigentlich ursprüngliche Kunst ist, die auf spielerische Weise zu individuellem, freiheitlichen Seh- und Kommunikationsverhalten ermuntert. Nun die Frage, wofür stehen diese Zeichen? Sind es Zauberzeichen, Geheimzeichen, Verkehrszeichen, Firmenzeichen, Rotwelschzeichen, sind es gar Symbole mit tieferem Sinn? Denn Zeichen können ja auch Symbole sein. Ich meine, je nach der Prägnanz der Formen, nach der ästhetischen Qualität und der Intensität der Gestaltanmutung kann tatsächlich das einzelne Zeichen zum Symbol werden. Allerdings gelingt die dafür nötige Umwandlung nur dem aktiven, konnotierenden, ja kreativem Betrachter. Künstler brauchen kreative Betrachter. Er verinnerlicht sozusagen das Zeichen in seiner Ordnungsbezogenheit zum Symbol, indem er etwas hinzugibt, hinzudeutet, eben konnotiert. Er gibt etwas von seiner Person, seinem Wesen, seiner Erfahrung, seinem Schicksal dazu, um so das Symbol im eigenen Leben virulent zumachen. (Freilich sind nicht alle Zeichen gleichwertig, es gibt keine Demokratie der Zeichen und Symbole. Es gibt starke Zeichen, es gibt schwache. Allerdings kann der bildnerisch denkende Betrachter durch geistige Anstrengung in einem Akt des bildnerischen Verwandlungsvorgangs schwache Zeichen zu starken machen, und in neue Ordnungszusammenhänge stellen, sozusagen auf spielerische und abenteuerliche Weise. Trotzdem kann es sein, daß schwächliche, bedürftige Zeichen auch im Werk von Waltraud Palme notwendig sind und daß sie ihren Platz innerhalb des angestammten Formates brauchen. Denn wenn sie die Vielfalt des Lebens widerspiegeln sollen, dies sagt ja die Künstlerin selbst, dann sind eben auch schwächliche Zeichen darstellungswürdig. Außerdem können sich so die starken, mächtigen Zeichen im Ensemble der Formen noch stärker profilieren, in einer Art Bedeutungsperspektive, wie wir es in der Kunst der Kinder und der intellektuell eingeschränkten Personen kennen. Künstlerische Gebilde, Kunstwerke weisen ja oft vielfältige hierarchische Strukturen auf, ich nenne da nur die Symmetrie, samt Symmetriesog, die Macht der Mitte, sowie die bedeutungsgeladenen Plazierungen in der Topographie des Bildraumes. Aber immer besteht die Möglichkeit - das ist das tröstliche bei der Sache - daß die bescheidenen, zurückhaltenden Zeichen durch die ästhetische Kreativität des Betrachters, des Kunstkenners, des Connaisseurs, zu starken Zeichen mutieren und sich so in Symbole verwandeln.) Nun aber zurück zum Wesen der Zeichen von Waltraud Palme. Was ist das Charakteristische dieses Zeichenwerkes? Dieser "Zeichenschaft", wie es die Künstlerin ausdrückt? Mir fallen dabei folgende Stichworte ein: Piktogramm, Bildzeichen, Phonogramm, Lautzeichen, Fotogramm, Scherenschnitt, Schattenspiel, Silhouettenschnitt, und insbesondere das Wort "Schablone". Weiter denke ich an das Licht- und Schattentheater, an die romantischen Schattenbilderbögen eines Grafen Pocci zu München und an die Flächengebilde des Jugendstils aber auch an das zeichnerische Werk eines Aubrey Beardsley. Worum geht es? 1. Es geht um die durchgängige Flächigkeit der Präsentation, die auf der Kraft und Stärke des Kontrastes, des homogenen Schwarz, nämlich dem Schatten und dem homogenen Weiß, dem Licht, beruht und sich dabei auf das Wechselspiel von Figur und Grund beruft. 2. Es geht um präzis geschnittene,. d. h: ausgeschnittene oder eingeschnittene, manchmal auch um eingerissene Formen. 3. Das diesem Geschnittenen und dessen malerischer Umsetzung gemäße graphische Reproduktionsverfahren ist. heutzutage der Siebdruck, der seinem Wesen nach ja kein Druckverfahren im herkömmlichen Sinne, sondern ein Schablonenverfahren ist. Denn es gibt es keinen Druckstock und damit auch keine Seitenverkehrtheit. Die zahlreichen Verkehrs- und Hinweiszeichen unserer Tage - nur allzu oft sterile Designer-Zeichen - erscheinen einem sensiblen Reisenden/Verkehrsteilnehmer nur erträglich, wenn man sie von Zeit zu Zeit durch ästhetische Ironie lächerlich macht, ihre intendierte Eindeutigkeit in eine ungehorsame, zum Lachen reizende Mehrdeutigkeit verwandelt und sie damit ihrer nivellierenden Eintönigkeit entkleidet. Nicht so bei Waltraud Palme. Hier sind es nicht modische Designer-Zeichen, sondern Künstlerzeichen, lebendig und symbolisch offen. Sie laden ein zum ästhetischen-meditativen Verhalten und geben unserer Phantasie Nahrung und fordern geistige Beweglichkeit. Palmes' Piktogramme könnte 'man als symbolträchtige Spielmünzen bezeichnen, sie sind Bilder und Bildzeichen zugleich, sind funktionslos und funktionstüchtig zur selben Zeit, sie haben eine archaische, ja archetypische Qualität. Viele künstlerische Zugriffsweisenbleiben im allzu Persönlichen, ja geradezu Autistischen stecken und langweilen den Betrachter. Bei den Werken Waltraud Palmes ist dies anders, erfrischend anders. Ihr ist es gelungen ein wahrlich zeitloses Thema, das die Menschen, seit altersher begleitet, von den Zauberzeichen der Schamanen, der Jäger und Sammler bis zu den Piktogrammen unserer technische Zivilisation so zu verwandeln, so neu zu gestalten, zu verzaubern und zu vitalisieren, daß das Lesen der Zeichen und das damit verbundene Meditieren zu einem faszinierenden Spiel für Betrachter und Kunstliebhaber wird. » Seitenanfang |
Künstlerbücher
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Short cuts - Materialbuch für Fotogramme![]() Fotogramme - Fotoarbeiten, die als Unikate in der Dunkelkammer ohne Verwendung der Negativbühne entstehen - haben mich schon in meiner Kindheit fasziniert. Ich durfte oft, nachdem mein Vater seine Abzüge in der Küche unserer Altbauwohnung ins Schwemmbad gelegt hatte, selbst mit Licht und Schatten und den kalt gewordenen Chemikalien experimentieren. Auflegen, weglegen, abdecken, bewegen: auch heute reizt mich vor allem der haptische Aspekt dieser Bilderzeugung - dieses Hand-Werken nach einem vorgefassten Plan, dessen Ergebnis aber erst nach dem letzten Schritt im Entwicklerbad zu überprüfen ist. Danach ist keine Änderung auf diesem Wege mehr möglich. Grundsätzlich interessiert mich in meiner Arbeit das Anlegen eines immer größer werdenden Repertoires von Schablonen. Ich ordne sie in Archiven, denen ich dann das Material für die Fotoserien entnehme. Diese sind durch ihren narrativen Charakter gekennzeichnet. Sie wirken oft wie flott skizzierte Storyboards, in denen Umrisse von Figuren aus Tageszeitungen und Journalen, die mich bewegen und die ich festhalten möchte, eine zentrale Rolle spielen. Es sind Shot Cuts: schnell geschnitten, tauchen diese wieder in ironischen Verkleidungen vor der undurchdringlichen Schwärze des Hintergrunds auf. Das Schattenspiel ergänzen auch oft noch dreidimensionale Fundstücke. Damit wird jedes Werk zum Dokument der "Entfaltung eines individuellen Augenblicks", wie Raoul Hausmann den Prozess der Herstellung von Fotogrammen nannte." Eines dieser Archive habe ich zu einem Materialbuch verarbeitet. Es enthält eine Auswahl von Schablonen, die Grundlage für die letzten Fotoserien waren. In dieser Sammlung - die als Teil einer groß angelegten Scherereien-Enzyklopädie gedacht ist- bilden sie fein geordnet ein eigenes Werk . April 2002 » Seitenanfang |
Eurotunnel![]() Im Jahr 2004, das ein Schaltjahr und für mich auch privat ein besonderes war, sind 366 Blätter Tagebucharbeiten - entstanden. Die Kassette trägt den Titel "Journal". Die Bilder sind durch einen sehr narrativen Charakter gekennzeichnet, wirken oft wie flott skizzierte Storyboards, in denen Umrisse von Figuren aus Tageszeitungen und Journalen, die mich bewegen und die ich festhalten möchte, eine zentrale Rolle spielen. Zu den Zeichnungen gesellen sich Short Cuts: schnell geschnittene Fundstücke aber auch gezielt gesuchte Bilder: Immer wiederkehrend ist die Vorstellung des Fremden, des Fernen, und damit auch jedes Bild eine Umsetzung meines Leseinteresses. Meine Bibliothek ist voll mit Reiseberichten, ethnologischen Fachbüchern und Entdeckerberichten; Reisen ins Unbewusste, Texte über Traumforschung und Erinnerungsarbeit. Ich reise gerne im Kopf, habe Mühe mit den realen Reisen, scheue mich geografisch weit entfernte Ziele anzupeilen. Die Reduktion auf Schwarzweiß ist mit vereinzelten Ausnahmen im Zusammenhang mit meiner Arbeit an Fotogrammen zu sehen, bei denen durchwegs die Farben fehlen. Hier erweitere ich meine Materialien, verwende Acryl, Kohle, Bleistift, Kleister, Filzstift und Tinte. » Seitenanfang |
Am sechsten Tag...![]() Seit meiner Schulzeit faszinieren mich Geschichten von über Forscher und Entdecker. Vor allem jene Bereiche, in denen es um Religion, Aufklärung, Philosophie und Neurowissenschaft geht, bestimmen die Auswahl an Lektüre. Die Biografie Charles Darwins hat darin einen speziellen Stellenwert, da sie einerseits mein Interesse an fernen Ländern und der Tierwelt befriedigt, gleichzeitig aber auch zeigt, wie sehr Wissenschaft und Religion bis heute mit sensiblen Fragen ringen. Freud zählt in einem Werk drei prägende Kränkungen auf, die den Stolz und das Selbstbewusstsein der Menschen tief verletzt haben. Eine davon ist die Erkenntnis, dass wir in unserer Entwicklung dem Tierreich entstammen und somit - laut Darwin - fellow animals, also Artgenossen sind. In meiner Arbeit interessiert mich vor allem der Aspekt, dass Tiere in unseren Gedanken ein beherrschendes Thema darstellen und sehr widersprüchliche Emotionen hervorrufen: Einerseits die Befremdung über die Andersartigkeit, die Neugier auf das Unverständliche und Rätselhafte, das Erschrecken und die Abwehr vor dem Wilden und Archaischen; andererseits die Wünsche und Projektionen, die Personifizierungen und Vermenschlichungen, die sich unsere Mitlebewesen gefallen lassen müssen. In meinen Zeichnungen setze ich diese Überlegungen in ironische Statements um. » Seitenanfang |
FamilienaufstellungSeit vielen Jahren erzeuge ich aus Fotos, Fotogrammen und Fundstücken Künstlerbücher. |
Fotogramme
![]() Zu Beginn meiner bildnerischen Laufbahn war das Malen und Zeichnen im Vordergrund. Ich habe mich von Thema zu Thema gehangelt, immer
nahe meiner jeweiligen Lektüre. Lesen und Malen hing von Anfang an zusammen. |
Advise for girls![]()
Fotoarbeiten und ein Gedicht Während es in den früheren Maskenarbeiten um die Grenzen zum animalischen, instinkthaften Verhalten geht, drehen sich in der Serie Advise for girls die Gedanken um das älter Werden, der Blick auf die Jugend und den alten Stammbuchtext *, den ich gefunden und am Ende aber abgewandelt wiedergegeben habe:
was auch geschieht, am Ende wirst du merken: Es ist immer dasselbe!! Die Arbeiten sind schwarzweiß, auf mattem Papier, Zeichenblockcharakter, wie ein wehmütiger Blick zurück auf Vergangenes. Die Textbilder in verschiedenen Sprachen verstehen sich als Verweis auf Menschen, die ich als junges Mädchen kennengelernt habe.
* * Zögere nicht, geh ohne Angst ins Leben! Greif nach den Sternen, es lohnt sich , doch bleibe immer du Selbst Begegne anderen mit Hingabe und mach dich unbrennbar ! Nur so kannst du etwas Rechtes lernen. Erfülle dir geheime Wünsche nur vermeide es, unglücklich zu lieben! Nütze jede Möglichkeit, die sich dir bietet, denn die Zeit vergeht schnell Was auch kommt, was auch geschieht, am Ende wirst du merken: Es ist immer dasselbe! |
LONDONBOOKS 2011![]() Das Besondere am Zeichnen besteht für mich in der Einfachheit und Unkompliziertheit der Tätigkeit. Ein Stift, ein Blatt Papier und man ist „in der Zeit“ – „...with drawing you are in the present“ sagt Kiki Smith in einem Gespräch. |
Wie ich mir das Unbewusste vorstelle...
Timm Starl Fotogramme sind älter als Fotografien, nämlich ungefähr um 17 Jahre, wenn man die ersten gelungenen fotografischen Versuche des Franzosen Joseph Nicéphore Niépce von 1816 nimmt, die sich allerdings nicht erhalten haben, weil der Erfinder die Wiedergaben noch nicht zu fixieren wusste. Dasselbe Schicksal teilten die Fotogramme des Engländers Thomas Wedgwood aus der Zeit um 1799. So tauchen beide bloß in Briefen auf, allerdings unter unterschiedlichen Namen. Das führte dazu, dass in den Fotografiegeschichten das Fotogramm erst 1919 das Licht der Welt erblickt, nachdem der deutsche Künstler Christian Schad allerlei Gegenstände auf Tageslicht-Auskopierpapier gelegt und bleibende Abdrücke erhalten hat. Seine Produkte hießen zunächst Schadographien, wie auch Man Ray dieserart Bilder wenige Jahre später Rayografien taufte. Doch noch in den 1920er Jahren einigten sich die Kommentatoren auf den Terminus „Fotogramm“ für 1:1 Belichtungen auf empfindlichem Fotomaterial, die ohne Kamera und Objektiv zustande kommen. |